MYOG Sling Bag

  • Hallo liebe Leute!


    Um mich der fiesen Hitze draußen etwas zu entziehen( Sorry, aber Hochsommer ist nicht meine Jahreszeit!), habe ich nochmal die Nähmaschine aus der Rümpelkammer geholt. Das Objekt meiner Begierde, war dieses mal einer von diesen neumodischen "Sling Bags".
    Mein Rucksack den ich genäht habe ist ja schon ganz ordentlich geworden, allerdings sieht dieser hier und da noch etwas Prototypenhaft aus und für EDC oder mit auf die Arbeit zu nehmen ist er mit gut 30 Litern schon etwas zu groß.


    Also diesmal sollte es ein reines Daypack werden, und um eines schon mal vorweg zu nehmen, so einen Sling Bag braucht eigentlich keiner, und ein echter Rucksack trägt sich auch in jedem Fall besser. Und das ist auch der Grund warum ich mir nie einen gekauft habe. Selbst die nachbauten aus Fernost kosten noch so um die 30 -35 Euronen, und diesen " Tausend keine Täschchen und Reißverschlüsschen Wahn" welcher an den kommerziellen Modellen ausgelebt wird hab ich auch nie verstanden.


    Aber um mal die Skills an der Nähmaschine zu trainieren und weil die Dinger einfach lässig aussehen, habe ich mich mal an einen Eigenentwurf begeben. Weil ich sowieso noch vieles an Restmaterial rumliegen hatte war die Sache noch dazu günstiger als der Kauf des fertigen Artikels.




    Hier mal der grobe Entwurf für Rücken und Vorderseite, den Schultergurt und die Polster. Für das Seitenstück und den Deckel habe ich keine extra Skizze angefertigt, weil ich mir noch etwas Spielraum zum experimentieren lassen wollte. Im Gegensatz zu den meisten Modellen am Markt kommt mein Entwurf ganz ohne Reißverschlüsse aus und bietet außer einer Stecktasche innen am Rücken ein durchgehendes Hauptfach.





    Hier sieht man den aufgezeichneten Schnitt am Aussenmaterial, mit einem cm überstand an allen Rändern. Der Teller dient als Radienschablone. Was hier noch fehlt ist der Deckel, den hab ich irgendwie total vergessen. :unschuld
    Das Material ist ein Polyestersegeltuch mit PVC Beschichtung, mit einem Gewicht von 600 Gramm pro Laufmeter. (Entspricht ungefähr 500-600er Cordura)






    Und weil mir das Olivgrün irgendwie zu Langweilig war, und ich die Spraydose BegadiBrown schon seit ungefähr sechstausend Jahren im Schrank rumliegen hatte, hab ich auch noch so ein ganz einfaches Phantasietarnmuster draufgesprüht. Die Farbe trocknet erstaunlich schnell und scheint auch sehr gut zu halten.





    Danach habe ich die Aussenstoffstücke als Schablone für den Polsterstoff verwendet und diesen ausgeschnitten. Hier kommt ein 3mm abstandgewirktes Netzmaterial zum Einsatz.



    Das Futter für das Rückenpolster besteht aus einem Stück Verpackungsschaumstoff der mal bei irgendeinem Paket dabei war. Somit ist der Rücken ausreichend steif und dennoch angenehm gepolstert.




    Für die Polsterung des Schulterriemen, musste wie ein Stück der alten Aldi- Isomatte herhalten.





    Das erste was ich dann genäht habe , ist die kleine Stecktasche am Schultergurt. Die eignet sich zum Beispiel für ein Taschenmesser oder einen Kompass.




    Hier fehlen nun ein Paar Arbeitsschritte weil der Akku der Kamera leer war, aber ich denke die Schritte sind dennoch nachvollziehbar.
    Nach dem annähen der Molleschlaufen und der Schnalle werden das Aussenmaterial und das Netzgewebe Gutseite auf Gutseite vernäht und anschließend umgekrempelt. Anschließend wird das Polsterstück hinein gestopft. Sowohl das umkrempeln als auch das hineinstopfen des Futters sind wohl mit die fummeligsten arbeiten von allen und kosten eine menge Zeit und Nerven.




    Hier wird das Steckfach von innen an den späteren Rücken genäht. Hierfür habe ich ein Reststück 180den Polyester verwendet.




    Und dann das Netzpolster von aussen an den Rücken. Wichtig hierbei ist ein Stück offen zu lassen an dem das Futter für das Polster eingeschoben werden kann. In diesem Fall hat sich das obere ende angeboten weil es so wie so später mit dem Schultergurt vernäht wird.





    Hier ein Teil dass ich um ein Haar vergessen hätte. Die untere Schlaufe für den Schultergurt. Auch wichtig zu beachten ist dass man die Schlaufen "Spiegelverkehrt" anbringt, nach dem umstülpen des Rucksacks sollen diese ja außen liegen. Ich habe auch gleich zwei Schlaufen angebracht damit ich mit dem Karabinerhaken am Schultergurt schnell von einer Seite auf die andere wechseln kann.




    So soll es hinterher aussehen. Beim annähen des Seitenteils ist es ganz wichtig unten in der Mitte und nicht am oberen Rand anzufangen.
    Wenn oben was übersteht kann man immer noch was abschneiden, wenn´s aber unten nicht passt wird´s schwierig.







    Bevor man die Seiten vernähen kann müssen noch die Molleschlaufen angenäht werden. Das anzeichnen und vernähen von Mollebändern ist dann naturgemäß nochmal sehr Zeitintensiv.







    So ; Molle ist dran und die Seiten sind angenäht.




    Und nun ist mir auch eingefallen das ich gar keinen Deckel hab! :wallbash Also auf die schnelle einen schlichten Deckel angezeichnet und ausgeschnitten.






    Und damit der Deckel auch zum Rest passt, habe ich auch diesen noch angesprüht.





    Damit der Stoff an den Kanten nicht ausfranst wird er mit Einfassband umsäumt. Man kann den Stoff auch einfach umschlagen, aber mit Einfassband sieht es einfach schöner aus.







    An den Deckel muss natürlich noch eine Schnalle, und weil ich immer noch genug von dem Polyesterstoff hatte hat er an der Innenseite noch eine kleine Tasche mit Klettverschluss bekommen.




    Ok; Der Deckel ist fertig und kann angenäht werden.




    Jetzt muss das Gegenstück der Steckschnalle an der Vorderseite angebracht werden.



    Dann wird das Rückenpolster eingeschoben und nochmal auf genaue Passform überprüft.




    Nun kann der Schultergurt am Rucksackkörper angebracht werden. Hier ist es nochmal besonders wichtig mit äußerster Sorgfalt zu arbeiten und lieber erstmal nur provisorisch zu nähen damit man , falls der Schultergurt nicht gerade sitzt, die Naht auch wieder aufbekommt.




    Wenn alles gerade sitzt, kann der Schultergurt endgültig angenäht werden, dazu wird einfach ein Stück breites Gurtband über den Träger genäht und verschließt in diesem Fall auch den Einschubschlitz für das Futter. Wer auf Nummer sicher gehen will setzt auf die entgegengesetzte Seit noch ein Stück Gurtband, aber für den kleinen Sling Bag ist die Sache so absolut ausreichend.





    Jetzt wird endlich die Vorderseite angeheftet und mit dem Rest vernäht.






    Wenn auch das geschafft ist, geht es zum Endspurt. Das letzte was noch zum fertigen Sling Bag fehlt ist ein Kordelzug mit dem man den Sack verschliessen kann. Auch dieser besteht wider aus einem Stück Polyesterstoff. Das Einnähen des Kordelzugs ist nochmal eine echte Fummelarbeit bei der man sich wünscht fünf Hände zu haben.








    Ja und so sieht das gute Stück dann fertig aus. Von meinen bisherigen Nähprojekten ist es auf alle Fälle das Meisterstück.


    Der praktische Nutzen beschränkt sich eher auf ein "Nice to have". Das Volumen beträgt geschätzte 15 -20 Liter; also wirklich nur ein Day Pack. Man sollte auch nicht den Fehler machen und so einen Sling Bag mit einem richtigen Rucksack vergleichen, es ist eher sowas wie ein Haversack Plus. Warum das so ist lässt sich einfach damit begründen dass, man die Last immer asymmetrisch verteilt und nur auf einer Schulter trägt, was schon bei ca. sechs bis sieben Kilo unangenehm werden kann.


    Ich hab ihn hier mal absichtlich überladen, und ein ganz schlichtes Equipment für eine Übernachtung mit einem Liter Wasser und ca. 700g Essen reingepfropft.






    Gehen tut das schon. Alles in allem waren es nur 6,5 Kg ( Scheisse ich werd noch zum Ultra Leicht Freak!) Aber auch die merkt man nach kurzer Zeit deutlich. Also - :schlaubi Zum übernachten lieber ´nen richtigen Rucksack nehmen.


    Das Gewicht des Sling Bag liegt bei genau 500 Gramm. Die Maße sind 45cm Höhe ,25cm Breite und 15cm Tiefe.
    Wie lange ich genau gebraucht habe um den Sling Bag zu nähen weiß ich nicht mehr, aber ich schätze mal es waren so zwischen zehn und zwölf stunden.
    Auch die kosten kann ich diesmal nicht genau beziffern weil ich viele Reste verwertet habe. Wenn ich allen Schnickschnack zusammenrechne waren es diesmal so um die 30 Euronen, die Reste nicht mitgerechnet. Erstaunlich ist aber dass das Aussenmaterial immer das billigste von allem ist. Ins Geld gehen viel mehr die kleinen Sachen wie Gurtband, Klett- oder Reißverschlüsse, Schnallen, Einfassband und auch das Garn, wenn man denn gutes nimmt was bei der Verarbeitung von robusten Stoffen schon fast ein muss ist.




    So - Das war mein kleines Tutorial zum nähen eines "Sling Bag". Ich hoffe dem ein oder anderen gefällt was ich so während meiner Hitzedepression mache - Grüsse Holger!



  • Starke Dokumentation, Respekt. Der Vorteil von diesen Sling Bags habe ich hingegen nie ganz verstanden. Für mich wäre es nichts - da ja gerade die Vorteile eines modernen Tragesystem wegfallen. Auch Rücken-/Hals-/Nackenschmerzen sind wohl nicht ganz auszuschliessen. Erinnert mich vom (Trage-)System an meinen Brotsack beim Militär (heute gibt es den zum Glück nicht mehr) - und der war etwas vom unbrauchbarsten was wir hatten.

  • Super gemacht! Toll genäht ... und das aufgesprühte Tarnmuster gefällt mir.
    Ich glaube die Bedenken von realtree wegen der Rückenschmerzen beim Tragen sind unbegründet, falls nicht zu viuel Gewicht reingestppft wird.
    Allerdings meine ich aus Erfahrung, dass das Tragen ein Tick komfortabler ist, wenn der obere Befestigungspunkt des Trageriemens nicht oben mittig, sondern weiter seitlich angebracht ist, so das der Trageriemen diagonal vom unten rechts nach oben links (oder umgekehrt, je nachdem in welche Richtung getragen wird) verläuft.
    Das wäre meiner Ansicht nach noch eine klitzekleine Verbesserung.

    Top Ausrüstung folgt nur EINEM Kriterium: "reduced to the max"

  • Danke für das Lob!!


    @ realtree : So ein Sling Bag , hat gegenüber einem echten Rucksack auch keine nennenswerten Vorteile und läuft eher unter der Rubrik - modische Spielerei. Es trägt sich schon besser als ein Brotbeutel oder eine Schultertasche, aber halt auch bedeutend schlechter als ein Rucksack.
    Für mich ist es ein Lückenfüller zwischen Brotbeutel und Rucksack. Der Vorteile den man vielleicht nennen könnte ist, dass wenn man das Ding auf den Bauch dreht, man ohne ein absetzen in die Tasche greifen kann. Ist aber auch eher Spielerei.
    Das Maximum an Gewicht welches ich damit noch als "Bequem" betrachte, liegt bei fünf bis sechs Kilo. Mehr passt aber auch kaum rein.
    Ich fahre viel mit dem Fahrrad zur Arbeit und da will ich eben Regenjacke, Schreibkram, erste Hilfe Täschchen, Pannenset ,Essen und Wasser möglichst kompakt verstauen. Auch beim einfachen Spaziergang oder z.B. Pilze suchen ist das Teil nicht schlecht, und trägt wenig auf.


    @ TappsiTörtel : Das mit dem versetzten Schulterriemen ist vollkommen richtig. Ich hab ihn aber extra in die Mitte gemacht und unten auf beide Seiten eine Schlaufe angenäht, damit man die Seiten noch tauschen kann. Ich war mir nicht sicher auf welcher Seite ich lieber trage, und man kann so beim tragen mal schnell die Schulter wechseln.
    Was den Tragekomfort noch um einiges erhöhen sollte, ist ein Bauchgurt zur Stabilisierung. Den werde ich bei Gelegenheit noch nachrüsten.

  • Der Bauchgurt bringt richtig viel. Bei meinem Slinger von 5.11 wenigstens. Damit wird er bequemer zu tragen als ein schlechter Rucksack.
    Neben der Spielerei, dass man die Teile auf den Bauch drehen kann, gibts noch die: Es reicht eine Schnalle für ein Quick Release. Als friedlicher Fussgänger brauch man das aber eher nicht.