Wie stellt man "draußen" Schnur her?

  • Ja wie wird denn eine schöne Bushcraftschnur hergestellt?


    Eigentlich möchte ich nur wissen, wie man eine "Endlossschnur" herstellt/flechtet. Der Vollständigkeit kann aber auch gerne mehr erklärt werden :)


    Unter einer Endlosschnur verstehe ich eine Schnur die ich rein theoretisch immer weiter flechten kann (sofern genug Material da ist)
    Die meisten mir bekannten Flecht-Varianten haben den Nachteil immer dünner/dicker zu werden bzw. wird die hergestellte Schnur immer kürzer.
    Als Beispiel dafür ein aufgefaserter Brennessel-Stiel der verdreht wird. Die Länge ist allein deshalb ja schon begenzt und wenn ich die Tragkraft verstärken will, sprich ich die Schnur inneinander verzwirble und in der Mitte zusammenführe, hab ich nur noch knapp die Hälfte der ursprünglichen Länge.


    Auf Deutsch: Ich möchte wissen, wie ich aus z.B Hanf, Brennesselfaser, Wolle, etc. eine Schnur/Seil anfertigen kann welche so lang ist wie ich will.

  • Am besten holst du dir mal eine paar Gummibänder und schneidest sie auf, so dass du 10-15cm lange Stücke hast, damit lässt sich das Prinzip gut nachvollziehen. Denn dieses ist:


    Zwei Stücke in sich verdrehen - die Stücke gegen die Drehrichtung miteinander verzwirbeln.


    Die Spannung des Aufdrillens der Einzelschnur hält dabei die Verzwirbelung der beiden Schüre zusammen, da diese Kräfte gegenläufig wirken.
    Da irgendwann eine der beiden Schnüre aufgezwirbelt sein wird, legst du kurz vorher ein weiteres Stück Faden ein und zwirbelst weiter. Die Fäden müssen sich etwas überlappen, damit die Stabilität gleichmäßig bleibt. Dieses Prinzip lässt sich mit beliebig vielen und beliebig dicken Schnüren anwenden, wobei natürlich der Schwierigkeitsgrad ansteigt, da man nun mal nur zwei Hände hat.


    Verstanden? Nein? Ok. Ich mal mal schnell ein Bild.
    1. Beide oben Zusammengeknoteten Fäden in sich verdrillen bis sie sich fast kräuseln und mit sich selbst verdrehen wollen.
    2. Die Fäden gegeneinander entgegen der in Schritt 1 vollführten Verdrillung miteinander verflechten.
    3. Wenn ein Faden ausgeht, neuen einfädeln, paarmal verflechten und dann verdrillen wie in Schritt 1. Dann weiter wie in Schritt 2.

  • Danke! :winken


    Sehr schön erklärt und leicht verständlich, direkt mal ausprobiert ;)


    Dieses Prinzip lässt sich mit beliebig vielen und beliebig dicken Schnüren anwenden, wobei natürlich der Schwierigkeitsgrad ansteigt, da man nun mal nur zwei Hände hat.

    Da hast du wohl recht. Mit einem eingekerbten Stöckchen als Schnurstraffer müsste es etwas leichter sein.


    Werde in naher Zukunft mal einen Bericht hier drunter stellen, wie es mir im Feldversuch ergangen ist.

  • Ich hab mich heute mal dranbegeben und wollte zum ersten Mal die Herstellung einer Brennnesselschnur ausprobieren:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Als erstes habe ich jede Menge [lexicon]Große Brennnessel[/lexicon] gesammelt. Die Exemplare sollten aufgrund der angestrebten Fasergewinnung recht lang sein. Wenn man vorsichtig an den Brennnesseln zupft, dann bekommt man sie komplett mit Wurzel aus dem Boden.



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Echte Männer verzichten auf Handschuhe, ich wollte meine zarten Beamtenhände schonen ^^ Die Blätter wurden abgestreift, dabei werden auch die Brennhaare "außer Kraft" gesetzt.



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Zuerst habe ich mit dem Messerrücken die Faserstruktur brechen wollen. Dabei habe ich gemerkt dass man über den scharfen Rand des Messers mehr Faser zerstört als rettet. Günstiger ist es daher die Stängel über den Messergriff zu ziehen:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Danach habe ich vorsichtig die Stängel aufgebrochen. Die Fasern kann man dann einfach durch die Finger abstreifen. An den Knotenstellen des Stängels muss man ein wenig aufpassen.



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Und schon erhält man die erste Faser. Wenn sie zu dick ist, kann man sie auch in mehrere Segmente aufteilen.



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Dann habe ich die Faser etwas verkordelt:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    und wie in Boergers Beitrag weiterverarbeitet. Wichtig ist, die Schnur nicht in der Hälfte zu knicken, sonst bekommt man Stabilitätsprobleme wenn man neue Stränge einflechten will.



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Wenn die eine Seite "zu Ende" ist, führt man ein neues Stück Faser an und verkordelt es mit:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Das erste Ergebnis:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Dieses Stück habe ich "quick and dirty" verzwirbelt, die Faser ist noch sehr feucht und die Stränge waren recht dick, ich wollte es nur schonmal ausprobieren. Die restlichen Fasern habe ich zum Trocknen aufgehängt und werde die Tage mal versuchen eine Schnur draus zu drehen:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr

  • Whow, das nenn ich mal eine schöne, bebilderte Ausführung ...
    Sehr schön gemacht.


    Beim Durchlesen kam mir dann der Gedanke, ob es nicht für das "Endproduckt Schnur" sinnvoll wäre die Fasern noch im feuchten Zustand zu verzwirbeln,
    damit, wenn die fertig gezwirbelte Schnur trocknet, sich selbst durch den Schrumpfungsprozess stabilisiert ... ?!


    Bogensehnen aus Naturdarm werden ja auch "feucht" gezwirbelt und dann sogar unter Zug einer entsprechenden Last zum Trocknen aufgehangen.
    Bei der Brennessel-Schnur denke ich sollte das auch gut funktionieren.


    Wenn Du schon dabei bist ... Kannst Du eventuell die verschiedenen Möglichkeiten ausprobieren, und uns dann davon berichten?
    Fänd' ich mal Interessant.


    Gruß
    Michael

  • Moin Michael,


    Deine Idee mit dem Trocknen klingt einleuchtend, ich hatte mehr gedacht, wenn ich die Fasern im feuchten Zustand verzwirble dann werden sie beim Trocknen wieder "lockerer". Ich habe da noch einen alten Beitrag von Adi im Kopf, der hatte im Omega mal was dazu gepostet. Ich meine mich zu erinnern dass er sie auch vorher einfach so getrocknet hat. Ich will mich aber nicht festlegen.


    Was das Ausprobieren angeht: Ich habe morgen Frühdienst und daher heute keine Lust mehr weil ich gleich ins Bettchen gehe... morgen sind die Fasern eh trocken ;)


    Danke für den Tipp

  • O.K.
    in Kassel gibt es bestimmt auch Brennesseln ...
    ;-)
    mal sehen - machen wir dann eben vor Ort einen Flechtkurs "NaturFadenDrillenLeichtGemacht"
    oder so ...


    Gruß
    Michael

  • Wenn man sie feucht verzwirbelt und die Fasern trocknen hat man nen großen Volumenverlust und dadurch ist dann alles locker.
    Mich hat bisher immer gestört das mit den Wald und Wiesenmethoden die Rinde nicht völlig abgeschieden wird und man mehr oder weniger grobe Streifen hat. Eigentlich sind die Brennesselfasern hauchzart und fein. Wenn man es schaffen könnte die Fasern komplett vom umgebenden Gewebe zu lösen, könnte man extrem saubere und stabile Fasern gewinnen.
    Ich frag mich bloß wie.

  • @WildHog: Da haste aber ganz schön Gas gegeben :) ... Bei mir dauert das immer ewig :unschuld ...
    Biste schon weiter mit dem Trocknen und Aufbereiten?


    @AJ: Was stört Dich an den dickeren Fasern? Wenn das Mark raus ist, gehts doch super... Kann mir gar nicht vorstellen, was man da noch "abscheiden" könnte.


    VG MadFly :)

  • Also, ich musste das nu heut' beim Spaziergang mit Hund auch mal ausprobieren. Brennnesseln stehe ja überall genug rum. Das klappt prima, auch wenn man sich keine all zu große Mühe gibt. Brennnessel pflücken, Blätter ab, Stängel zwischen Daumen und Taschenmessergriff ein paar mal durchziehen und schon hat man die Fasern. Dabei reicht eine einzige, große Brennnessel schon aus, um sogar ohne großartige Drilltechnik irgendwas zusammen zu binden, z.B. ein paar Äste für ein Shelter oder ein Kochdreibein.


    Ich könnte mir auch gut vorstellen, aus drei Fastersträngen ein Stück Schnur zu flechten, so im "Zopfmuster". Das könnte man auch ewig verlängern und es würde sich auch nicht von selbst wieder aufdröseln. Hat das schon mal jemand probiert?



    Lieben Gruß,


    Westwood

  • @WildHog: Da haste aber ganz schön Gas gegeben :) ... Bei mir dauert das immer ewig :unschuld ...
    Biste schon weiter mit dem Trocknen und Aufbereiten?


    Jau bin schon weiter ^^ Die Fasern waren heute furztrocken. Ich habe dann jeweils 4-5 Faserstränge genommen und diese verdrillt. Zum "Überlappen" habe ich ca. 8 cm Faserlänge gelassen. Ich habe heute (leider nicht so viel Zeit gehabt) etwa 60-70 cm Schnur hergestellt. Dafür habe ich nicht mal ein Viertel der gesammelten Fasern benötigt. Der Zeitaufwand lag bei etwa einer dreiviertel Stunde. Ich hätte mir wahrscheinlich noch etwas mehr Mühe geben können :schäm Das Ende habe ich einfach verknotet. Als Größenvergleich habe ich unten noch ein Bild mit Paracord angefügt. Die Schnur macht einen sehr stabilen Eindruck, ich will die Tage mal testen wieviel Gewicht sie aushält. Kleiner Tipp: Das Verdrillen geht am Besten auf dem nackten Oberschenkel. Davon habe ich Euch aber die Bilder erspart ^^


    @Westwood: Jo nä? Da bekommt man binnen kürzester Zeit schon brauchbare Schnüre zusammen :daumen Das Flechten ist natürlich Zeitaufwendiger als das Verdrillen, und da man eher einen platten Querschnitt bekommt, könnte ich mir vorstellen dass die Schnurreibung größer ist. Aber das kann man ja ausprobieren :)


    So, genug gequatscht, nu lasse ich mal meine Bilder sprechen (unbushcraftig im Wohnzimmer aufgenommen):


    Die trockenen Fasern, die haben ganz schön an Umfang verloren, insofern kann ich bestätigen dass nassverdrillte Schnüre aufgrund des rapiden Volumenverlustes wohl lose würden:

    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Hier das "peu-à-peu-Ergebnis":



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Anlegen eines neuen Faserstranges:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr


    Das Endergebnis: Gute 60-70 cm:



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr



    Brennnesselschnur von wildhog9910 auf Flickr

  • ja klasse , und verdrillen hab ich mittlerweile auch drauf, nur das Geheimnis mit dem Anstücken will sich mir nicht erschließen. Nachher kann ich den neuen Faden immer locker wieder rausziehen, Motivation zum weiterüben ist der Beitrag aber auf alle Fälle... Danke


    Grüße

  • Super Beitrag! Vielen Dank!!! Bin sehr gespannt auf den Gewichtscheck! Die frischen Fasern fand ich in dieser Hinsicht bisher immer mässig toll... Wenn Du jetzt noch die produzierten Schnüre a la Zopf verzwirbelst, biste sicher fast an der Bruchlast des Paracords dran :lol ...


    Das Verdrillen auf dem nackten Oberschenkel geht aber nur bei unbehaarten Bushcraftern? Ansonsten ziepts sicherlich ganz fürchterlich :heul ...


    VG MadFly :)

  • Das Verdrillen auf dem nackten Oberschenkel geht aber nur bei unbehaarten Bushcraftern? Ansonsten ziepts sicherlich ganz fürchterlich :heul ...


    Ach das hält sich eigentlich in Grenzen ^^ Es sind noch alle Haare dran :lol


    Hab heute übrigens ein Viertel der Schnur geschreddert... ich hatte zum Ende hin die Schnur immer dünner werden lassen, das hat sie dann doch nicht ausgehalten ^^ Ich hoffe ich komme die nächsten Tage dazu eine neue Schnur zu drehen und es nochmal auszuprobieren. Fakt ist: Um Dinge festzubinden oder um damit zu Basteln reicht die Schnur allemal, einen Bowdrill wird man zumindest mit meiner nicht antreiben können.