Worst Case Szenario – kurzer Bug Out Testlauf

  • Hatte über den Maifeiertag einige Tage frei und wollte die Gelegenheit eigentlich für den Problelauf einer Fluchttour im Falle eines Worst Case nutzen. War jedoch ein paar Tage davor bei meiner Zahnärztin die mir bei dieser Gelegenheit eine neue Füllung verpasste. Der betroffene Zahn ist seitdem allerdings beleidigt. Fühlte mich nicht nur wegen der dicken Backe wirklich fit für einen längeren Marsch mit viel Gepäck - mir Couchpotato fehlte schlicht auch die Motivation für eine solche Schinderei.
    Treffenderweise war in unserer Straße gleich 2x hintereinander der Kanal verstopft und ein großer Pumplaster fuhr jedes mal vor um den Schacht wieder frei zu spülen - ist hier am Ende ein Worst Case bereits eingetreten?!? Nix wie weg also, möglichst noch bevor ein WC am eigenen WC aufschlägt! Man ist echt im Vorteil wenn man solche imaginären Zeichen zweifelsfrei deuten kann ...


    Genau für einen solchen (Ernst-)Fall hab ich einen Fluchtrucksack vorbereitet - neudeutsch INCH-Pack: INCH = I Will Never Coming Home. Irgendwie eine gruselige Bezeichnung, oder? Tsts, welche Namen sich die Survivalszene manchmal einfallen lässt ...
    Hab selbstverständlich eine Packliste für meinen Fluchtrucksack präpariert und dieser steht auch teilweise eingeräumt in der Ecke, man will ja vorbereitet sein. Im Ernstfall möchte ich ja keine Zeit verschwenden und sofort flüchten können. Bezeichnenderweise hab ich dann noch satte 3-4 Stunden benötigt bis ich abmarschbereit und mein INCH-Pack komplett gepackt war. Hab die Zeit gebraucht um das noch fehlende Zeugs aus div. Schränken, Boxen, Taschen und anderen Rucksäcken zusammenzusuchen und hervorzukramen.


    Für diese Worst Case Simulation kam mir z.B. auch meine eigene Schlamperei zu Hilfe. Bei der Suche nach div. Ausrüstungsgegenständen bin ich ganz unten in einer Box auf einen Sack mit Lebensmitteln gestoßen. Sind von einer Tour im letzten Jahr übrig geblieben und hab leider vergessen sie aufzubrauchen. Die Packungen waren allesamt abgelaufen. Gehe mal davon aus, dass ich in einem Worst Case auch nicht gleich die Flucht antreten würde und zuallererst die vorhandenen frischen Lebensmittel verkoche. Event. bleiben dann nur dauerhaltbare Sachen oder eben Lebensmittel die ich während meiner Flucht einsammeln kann und die vielleicht nicht mehr ganz so frisch - sprich abgelaufen sind. Denke, dass dies realistisch wäre. Hab mich an dieser Stelle tatsächlich gefragt, ob ich wohl schon immer ein bisschen paranoid war oder ob ichs erst im Zuge dieser Aktion geworden bin ...


    Anyway, der Rucksack war irgendwann vollständig und enthielt deutlich mehr Lebensmittel als ich normalerweise für einen Campingtrip veranschlagen würde. Ich hab das Teil dann mal geschultert: Uff, Worst Case für mein Kreuz! Hab sofort beschlossen meine Flucht in den Wald nicht zu Fuß sondern doch mit dem Auto anzutreten ...
    War bereits spät am Abend, als ich im Wald ankam und mein Standardprozedere wurde abgespult - sprich Tarp aufbauen, Lagerplatz einrichten etc. Obwohl unbeständiges Wetter angesagt - beim wegfahren hats noch geschüttet wie aus Eimern - blieb die Nacht trocken.



    1st Overnighter ...


    Schon nach einer Nacht unterm Tarp geschah etwas Seltsames: Irgendwas hat einen Schalter auf 'chillen und entspannen' umgelegt, das milde Kaiserwetter tat sein übriges dazu und mein Camp war ein friedlicher Anblick in der Morgensonne.




    Obwohl ich nicht unbedingt ein Fan von offenem Feuer bin hab ich schon früh ein niedlich kleines entfacht. Holz lag genug am Waldboden, jedoch war die Rinde so feucht und nass, dass bei den meisten Holzstücken abgeschält werden musste. Das Kernholz selbst war jedoch halbwegs trocken und brannte auch rauchfrei.



    Hab mir sogleich einen Kakao aus dem mitgebrachten Milchpulver zusammengebraut der vortrefflich mundete. Blieb natürlich nicht nur bei einem einzigen ...



    Mittags hab ich mir dann gleich 2 Packungen von den abgelaufenen Nudelgerichten kredenzt. Seltsamerweise hab ich das ohne Probleme für meine Verdauungsorgane überstanden. Ob dies normal ist, schließlich sind die Sachen bereits vor ca. 10 Monaten abgelaufen? Eine Nachahmung wird allerdings von mir ausdrücklich nicht empfholen.



    Abwasch im Bushcraft-Stil, lediglich mit Holzasche, einem Schaberstäbchen und etwas Gras zum Auswischen des Topfes - im Worst Case hätte ich auch keinen elektr. Geschirrspüler im Wald stehen.





    It's time for a brew ...


    Zwischenzeitlich hab ich immer wieder mal einen Tee gebraut und ließ mir das Getränk schmecken, nachdem ich ihn durch meine Bandana abgeseiht hatte.






    Der erste Tag meiner Worst Case Simulation verlief grandios, nicht zuletzt wegen des ausgesprochen prächtigen Wetters. Eigentlich und zum Glück Entspannung pur. Hatte einige Punkte auf meiner Liste, welche ich ausprobieren wollte, vor allem meine Ausrüstung. Ist ja vieles 'späschl-forzis approved', zumindest laut Produktbeschreibungen der div. Hersteller und war dementsprechend teuer. Das ganze Klim-Bim sollte daher für mich als Normalo-Survivalist sowieso funktionieren. Hab die Materialtests deshalb mal hintangestellt, würden eh nur unnötigerweise meine easy-cheesy Chillout Phase unterbrechen ...



    2nd Overnighter ...


    Die 2te Nacht war allerdings kühler als die 1te, aber Dank meiner Comfort-Biwakausrüstung leicht auszuhalten.



    Der Tag begann so ähnlich wie der 1te, also ausgesprochen entspannt. Wasser holen aus einem kleinen Rinnsal, welches ca. 250-300m vom Biwakplatz entfernt ist. Wasserbeförderung erfolgte mit Hilfe zweier PET-Flaschen, welche ich speziell für diesen Zweck mitgebracht habe. Im Ernstfall würde ich allfällig weggeworfenen Behältnisse unterwegs auf meiner Flucht finden und natürlich mitnehmen, eh klar …



    It's time for another brew ...


    Hab wieder ausgiebig meine Teezeremonien zelebriert und ganz ohne Stress mehrere Male einen 'Brew' aufgesetzt.



    Mittags gabs dann eine der abgelaufenen Beutelsuppen, gestreckt mit dehydriertem Gemüse dass ich zuvor daheim selbst auf dem Dörrgerät getrocknet habe. Meiner Verfassung hat das Problem mit dem Haltbarkeitsdatum der Suppe nicht geschadet. Hat mich auch nun nicht mehr wirklich verwundert, denn die Suppe war 'erst' vor nicht mal 8 Monaten abgelaufen. Hatte also noch etwas Spielraum wenn ich die beiden Nudelpackungen vom Vortag als Vergleichsmaßstab heranziehe. Soll aber nicht heißen, dass die Suppe noch wie neu war, für den Worst Case würde sie es sicherlich tun, das steht für mich nun fest. Ersuche aber von ähnlichen Selbstversuchen Abstand zu nehmen …



    So wie in jedem Ernstfall gabs bei meiner Simulation leider auch Verluste. Habs wieder mal geschafft, mein Tarp in der Nachbarschaft eines Ameisenhaufens aufzustellen. Unter der Isomatte fanden sich dann auch jede Menge Toter (Ameisen) - sorry. Die Ameisen wären natürlich auch eine potentielle Eiweißquelle als Ergänzung meiner Nahrung - ob diese Viecher wohl so gut schmecken würden wie eine abgelaufene Beutelsuppe? Wobei wir bei meinen Lebensmittelvorrat angelangt wären. Der schwand nämlich besorgniserregend schnell, wenn ich weiterhin in diesem Maßstab zulangen würde. Das mitgebrachte Zeug reichte sicherlich für keine 2 Wochen, so wie angedacht! Meine Schlussfolgerung wenn die Leckerlies alle sind: Ich, im großen Wald und ohne menschliche Gesellschaft und vor allem ganz ohne was zu beißen. Mann, ein echter Worst Case - BUUH, erschreckend!! Wär vielleicht sinnvoller gewesen, einen Teil meines 'späschl-forzes' Klim-Bims wegzulassen und stattdessen mehr Essenszeugs in den Rucksack zu packen. Müsste dann allerdings wohl auf einigen Komfort verzichten.


    Allmählich kamen Zweifel auf, ob die Ab-In-Den-Wald-Strategie im Falle eines Worst Case tatsächlich immer die sinnvollste Option ist? Und wie ich so drüber hinweggrüble wie welcher Notfall-Eventualität beizukommenen wäre, kamen da ein paar Zweifel hoch ob dieses Worst Case Dings insgesamt nicht doch zuviel Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Hab ich etwa gar vergessen richtig entspannt zu leben?


    Noch bevor ich mich mit diesem Gedanken ernsthafter auseinandersetzen konnte rief mein Neffe an und fragte, ob wir morgen angeln gehen könnten. Hab spontan zugesagt und mein Zeug zusammengeräumt. Hat sowieso zu regnen begonnen und im Wald wurde es zunehmend stürmisch und kühler.


    Fishing Skills ...


    Witterung war deutlich kühler, als meine 2 Tage im Bug-Out-Camp zuvor, aber für einen Angeltag akzeptabel. Fischen ist für mich eine Option zur Nahrungsbeschaffung im Ernstfall und diese Fertigkeit gehört ebenfalls trainiert. Mir ist durchaus bewusst, dass mit primitiven Mitteln in Gewässern mit starkem Angeldruck wohl kaum satte Fänge zu erwarten sind. Wenn man sich z.B. mit einem Baseballschläger ins Wasser stellt, muss man sehr lange auf einen dieser besonders lebensmüden und deshalb sehr seltenen Fische warten um Beute zu machen ... Adäquates Equipment ist also auch hier essentiell.


    Sind zwar früh raus, aber am Angelteich belebte sich die Szenerie im Laufe des Vormittags zusehends und es wurde rasch voll. Mittags braute sich ein sattes Gewitter zusammen, es wurde bitterkalt, blitzte und donnerte heftig, regnete aber kaum. 'Worst Case' am Fischteich! Unsere Anglerkollegen waren offensichtlich nicht wetterfest, rasch wurde zusammengepackt und beinahe sämtliche Angler verließen das Gelände fluchtartig. Wir haben eine Angelpause eingelegt und uns im Strandbuffet eine Portion Pommes geholt und diesen Ernstfall easy-cheesy auf unsere ganz besondere Survivalistenart ausgesessen. Nachdem sich das Unwetter verzogen hatte waren nur mehr eine Handvoll Angler übrig und wir hatten den großen Teich für uns alleine. War ein mords Spaß, wir hatten trotz kaltem Wetter noch einige Bisse. Einzig mein Gaskocher hatte Mühe mit den tiefen Temperaturen - hab die Eierspeise beinahe nicht hinbekommen, das Teil zeigte einfach nicht die gewohnte Power.


    Angeln kann ja durchaus auch meditativ sein und ich habe mir so meine Gedanken gemacht über das Gewitter. Mein Resümee: Wenn in einem Ernstfall alle flüchten, stehen jenen die an Ort und Stelle verbleiben eventuell mehr Ressourcen zur Verfügung. In unserem Fall wären dies die Fische im Teich. Ist eben eine Frage der jeweiligen Taktik im Einzelfall.
    Der Angeltag war für mich jedenfalls ein gelungener Abschluss meiner Worst Case Simulation, falls ich diese tatsächlich noch so bezeichnen kann ...


    Nach diesem Probedurchgang hab ich mit dieser Zusammenfassung begonnen - es ist draußen nebelig kalt und es schneite sogar ein paar Mal zwischendurch. Wir haben den 3. Mai und nicht etwa Mitte Dezember und ich befinde mich lediglich auf ca. 900 m Seehöhe.
    Mein Fazit: Mir hat die ganze Aktion riesigen Spaß gemacht, es war echt entspannend wieder mal 'draußen leben' zu praktizieren. Ich werde mich sicherlich bald wieder als (Worst Case) Simulant betätigen. Darum auch mein Appell: Get Out And Live!

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    Tu eh nur so als würd ich mich auskennen, damit ich auch mitreden kann.
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    'Bushcraft' ist eine eingetragene Schutzmarke von Bushcraft USA LLC

  • Hallo und guten Morgen Bugikraxn,


    das hast Du sehr schön geschrieben, hat Spaß gemacht es zu lesen, vielen Dank dafür.


    Viele Grüße


    Jim

    Viele Grüße


    Jim


    Perfektion in allen Dingen wird nicht dann erreicht,
    wenn nichts mehr hinzuzufügen ist,
    sonder dann, wenn nichts mehr fortgenommen werden kann.

  • zu den abgelaufenen Tütensuppen, ich hab da schon welche gegessen die waren fast 2 Jahre überm Datum.
    grad bei den Nudeldingern... da kann eigentlich nichts schlecht werden.
    Das zeug ist doch total dehydriert und vakuumverpackt, rein theoretisch kann da eig nichts verderben.
    Ich vermute das, ähnlich wie bei Mineralwasser, vom Gesetz her eine bestimmte Frist gesetzt wird.

  • krupp : Jetzt ist mir wirklich bewusst, was die Bezeichnung 'Mindesthaltbarkeit' tatsächlich bedeuten kann und auch sollte. Es ist durchaus nicht alles sofort automatisch verdorben, wenn das Haltbarkeitsdatum mal überschritten ist. Geschmacklich war für mich kaum ein Unterschied erkennbar zwischen einer Packung direkt aus dem Verkaufsregal und den Beuteln die ich dabei hatte und welche schon mehrere Monate abgelaufen waren. Geh aber mal davon aus, dass dies trotzdem nicht zur Gepflogenheit werden wird ...

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    Tu eh nur so als würd ich mich auskennen, damit ich auch mitreden kann.
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