Äxte und Beile aus Felsgestein

  • Mit dem ausgehenden Paläolithikum vor ca. 10.000 Jahren und dem Einsetzen des Mesolithikums/Epipaläolothikums änderte sich die Vegetation Europas drastisch. Mit einer allgemeinen Erwärmung wich auch die Lößsteppe langsam einer Waldlandschaft. Zuerst bestand diese aus Pionierbäumen, wie Birke und Kiefer, bis sich immer Wärmeliebendere Baumarten, die das letzte Glazial im Balkan und der iberischen Halbinsel überlebt hatten wieder hier ansiedelten und Flächendeckende Wälder entstanden.
    Hier auf diesem Pollendiagramm kann man in etwa die Entwicklung verfolgen wie sie in ganz Mitteleuropa ähnlich ausgesehen hat.
    http://www.landschaftsmuseum.d…diagramm_Buchenseen-2.jpg


    Durch das Entstehen dieser riesigen Urwälder waren die vormaligen Nomaden gezwungen in kleineren Gebieten zu siedeln. Sie waren nicht mehr so mobil wie zu Zeiten der Mammutsteppen. Damit einher ging, das Problem, dass viele Gruppen jetzt nicht mehr so leicht an die Feuersteinquellen kamen und man sehr viel sparsamer damit umgehen musste was sie hatten und tauschten. So kann man sich auch die zunehmende Nutzung der Mikrolithen erklären. Wärend vorher große Abschläge und Kerngeräte benutzt wurden und viel Abfall liegenblieb ging man im Mesolithikum dazu über auch kleinste Abschlagreste wiederzuverwerten. Diese wurden z.B. mit Birkenpech in einer Reihe an einem Stück Holz oder Knochen angebracht, so dass man eine Klinge erhielt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mikrolith


    Dies führte dazu, dass sich die Menschen nach anderen Gesteinen umsahen für große Geräte die keine unfassbar scharfe Klinge benötigten wie Äxte, Dechsel und Hämmer. Ein anderer Faktor der dies förderte war die Neolithisierung die sich vom Fruchtbaren Halbmond aus, über Europa ausbreitete und große Äxte zum Holzfällen für Häuser und zum Platzschaffen für Ackerflächen benötigt wurden.


    In Erkelenz Kückhoven wurde ein neolithischer Brunnen ausgegraben, dessen Verkleidung aus Eichenholz, aufgrund der Sauerstoffarmen Umgebung bis heute übelebt haben und sich heute im LVR-Landesmuseum in Bonn bewundern lassen. In diesem Brunnenschacht fanden sich auch geschliffene Felsgesteingeräte zweierlei Typs.
    1. Der Schuhleistenkeil


    http://www.archaeologie.sachsen.de/img/Abb._4.jpg


    Es ist ein schmal hohes Gerät mit assymetrischer Klinge. Aufgrund von mikroskopischen Gebrauchsspurenanalysen an prähistorischen Schuhleistenkeilen und dem experimentellen Zufügen dieser Gebrauchsspuren konnte herausgefunden werden dass diese Geräte quer zum Schaft geschäftet waren und in einem sogenannten Knieholm eingefasst waren und eher als Dechsel verwendet wurden zur flächigen Bearbeitung von Hölzern, als zum fällen von Bäumen, weil man diese erst ab Brusthöhe fällen könnte
    2. Flachbeile
    Flachbeile hatten eine flache breite Schneide. Die Forschungsmeinung geht hier teilweise auseinander. Einige behaupten, diese seien ebenfalls nur quer geschäftet gewesen und damit ebenfalls Dechsel, aber sowohl von der Beweisführung als auch vom gesunden Menschenverstand her würde ich von einer parralelen Schäftung wie eine heutige Axt ausgehen und es damit eher als Fällaxt beschreiben


    http://www.stadtmuseum-ibbenbu…scn2321_flachbeil_600.jpg


    Als Gesteine wurden zum größten Teil zähe, metamorphe Gesteine wie, Ambhibolit, Aktinolith, Grünschiefer und Basalt. Zweifelsohne hat man vor Ort auch teilweise das genommen was man hatte, wenns nicht direkt Sandstein war.
    Die Bearbeitung erfolgte anders als beim Feuerstein. Feuerstein ist extrem hart und spröde und bricht Glasartig, das liegt daran, dass beides SiO2 ist.
    Diese Gesteine brechen allerdings nicht so leicht und werden eher dadurch bearbeitet dass man mit einem härteren Stein die grobe Form herauspickt. Die meiste Arbeit spart man sich wenn man schon halbwegs so geformte Steine an Flussufern, wie z.B. dem Rhein sucht.
    Das Picken ist nur die grobe vorarbeit, das Schleifen ist das was die eigentliche Arbeit einimmt. Ich habe für mein recht kleines Exemplar ca. 8 Stunden gebraucht. Geschliffen wird mit Sand, Wasser und Sandstein. Bis man die richtige Technik raushat, dass der Sand nicht direkt von der der Steinplatte rutscht dauert es ne Weile. Mit Runden Bewegungen kommt man imho weiter.
    Als Schaft nahm ich Hasel. Ich suchte mir eine passende Astabzweigung und schnitt sie ganz Steinzeituntypisch mit einer Säge ab, auch den Rest des Geräts, dass muss ich zugeben, hab ich nur mit Metallgeräten gebastelt.
    In den Kopfartigen Teil des Schaftes arbeitete ich die Vertiefung in der später mein Schuhleistenkeil liegen sollte. Das einpassen und die Feinarbeit dauerten auch hier wieder ewig und drei Tage. Ich fixierte alles mit Sisalschnur die ich vorher in Wasser eingelegt hatte. Wollte eigentlich Brennessel nehmen aber hatte nicht genug.
    Weiche Hölzer kann man erstaunlich gut (dafür was man sich von nem Stein vorstellt,natürlich kein Vergleich mit Eisengeräten) bearbeiten. Allerdings ist mir die Klinge oft rausgesprungen. Offenbar muss ich noch die Verbindung zwischen Schaft und Klinge verbessern.
    So sieht das ganze dann aus


    Quellen:
    K. Böhm/R. Pleyer, Geräte steinzeitlicher Zimmerleute. Experimentelle Archäologie in Deutschland. Texte zur Wanderausstellung.Arch.Mitt.Nordwestdeutschland Beih. 13, 1996, 67-68.
    J. Weiner/A. Pawlik, Neues zu einer alten Frage. Beobachtungen und Überlegungen zur Befestigung altneolithischer Dechselklingen und zur Rekonstruktion bandkeramischer Querbeilholme. In: Experimentelle Archäologie in Deutschland. Bilanz 1994. Symposium in Duisburg, August 1993. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland Beih. 8, 1995, 111-144.
    R. Pleyer, Holzbearbeitung mit altneolithischem geschliffenem Steingerät. In: Experimentelle Archäologie. Bilanz 1991. Arch. Mitt. Nordwestdtl. Beih. 6, 1991, 227-230.
    H. Holsten/K. Martens, Die Axt im Walde. Versuche zur Holzbearbeitung mit Flint-,Bronze- und Stahlwerkzeugen. In: Experimentelle Archäologie. Bilanz 1991. Arch. Mitt. Nordwestdtl. Beih. 6, 1991, 231-243.
    K. Böhm/R.Pleyer, Geschliffene Geräte aus Felsgestein des älteren und mittleren Neolithikums aus Altbayern: Herstellung, Schäftung, praktische Anwendung. In: Experimentelle Archäologie in Deutschland. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland Beih. 4, 1990, 257-262.
    J. Weiner, Noch ein Experiment zur Schäftung altneolithischer Dechselklingen. In:Experimentelle Archäologie in Deutschland. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland Beih. 4, 1990, 263-272
    M.Meier, Das Arbeiten mit neolithischen Felsgesteinsbeilen. In:Experimentelle Archäologie in Deutschland. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland Beih. 4, 1990, 273-278.


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    Sehr schöner Beitrag, vielen Dank.
    Die eingefügten Bilder habe ich der Copyrights wegen aber leider in Links umwandeln müssen.
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  • Zu der Verbindung zwischen Schaft und Klinge ist mir noch eingefallen (frage mich jetzt nicht nach Quellen), daß man herausgefunden hat, daß „die früher“ ein Stück Leder dazwischen eingebaut haben um den Stoß beim Hacken zu dämpfen und somit recht gut verhindert haben, daß der Schaft Risse bekommt und zu schnell bricht.


    Ilves

  • Das so eine Steinaxt wirklich funktioniert konnte ich in Finnland in einem Steinzeitdorf nachprüfen.


    -Bild folgt-


    Gruß Travelmad


    :zunte

    "Member of OutdoorFrankenCrew"


    - see it - learn it - teach it

  • Zu der Verbindung zwischen Schaft und Klinge ist mir noch eingefallen (frage mich jetzt nicht nach Quellen), daß man herausgefunden hat, daß „die früher“ ein Stück Leder dazwischen eingebaut haben um den Stoß beim Hacken zu dämpfen und somit recht gut verhindert haben, daß der Schaft Risse bekommt und zu schnell bricht.


    Ilves


    Nein nicht immer, das würde sich in der Gebrauchsspurenanalyse wiederspiegeln, aber bei einigen Fällen wird das angenommen. Genau wie eine Zwischenschäftung aus Holz oder Geweih. In diesem Fall würde, falls die Klinge sich durch das Holz oder Gewih frisst, nur das Zwischenstück ausgetauscht werden müssen und nicht der ganze Schaft.
    Das hab ich euch im Ausgangstext unterschlagen, aber ich kann mich bei einem so langen Text nicht an alles errinern was ich sagen wollte.

  • Dafür ist er dir aber gut gelungen. Ich finde das spannend. Wenn du also noch mehr solche Werkzeuge und auch Gegenstände des täglichen Lebens aus der Zeit vorstellen kannst, fände ich das klasse.

  • Ja ich hab noch mehr aber ich muss zurzeit noch ein großes Referat über griechisch-skytische Poleis im nördlichen Pontos zusammenzaubern, vielleicht finde ich danach wieder Zeit für ein weiteres Projekt.

  • Hallo Aj,


    Sehr schöner Beitrag und ein sehr schönes Stück !
    Bin gestern mal wieder etwas in heimischen Gefilden herumgelaufen und dabei fiel mir ein Stück Porphyr auf , dass mich von der Form an eine kleinere Lanzenspitze erinnerte,es ist ca. 8 cm groß.
    Weißt du ob Porphyr auch für solche Werkzeuge zu gebrauchen ist?


    LG,
    Rauchquarz

  • Weiß ich jetzt nicht genau. Historisch ists jedenfalls nicht für Werkzeuge verwendet worden. Habs nie probiert aber durch die eingeschlossenen bzw. darin gewachsenen Kristalle hat das ganze eine nicht gerade Homogen Struktur. Könnte also alles was bröckelig sein.

  • Nabend


    Hab den alten Steindechsel beim aufräumen wieder gefunden und dachte mir ich geh ihn mal echt auf Herz und Nieren testen.
    Also flugs raus und an die Hölzer damit.


    Im Wald fand ich einige abgestorbene junge fichten.
    Das erste draufhauen ergab ein ziemlich trauriges Ergebniss. Gewöhnt an eiserne Arbeitsgeräte, kam mir der Fortschritt ziemlich erbärmlich vor.
    Eine Stunde zimmerte ich also auch stehende und liegende Stämme, einhändig und zweihändig.


    Interessanterweise ist die Arbeitweise total unterschiedlich zum Eisenbeil oder Dechsel. Wärend man beim Metallgerät durch mehr Kraft und anfassen möglichst weit am Ende des Schaftes größere Wirkung erzielt, hat man beim Steinbeil einen viel besseren Effekt wenn man den Schaft mehr an Kopfnähe anfasst und schnelle kontrollierte Hiebe ausführt.
    Zum fällen taugt diese Konstruktion nix, was ja auch für einen modernen Dechsel gilt.


    Ich bin davon überzeugt, dass ich durch eine ausgereiftere Konstruktion des Werkzeuges auch bessere Ergebnisse erzielen kann, aber auch jetzt zeichnet sich schon ab, dass eine Eisenklinge dem Steingerät in allen Belangen überlegen ist. Kein Wunder warum wir keine Steinzeit mehr haben :D


    Was mich positiv überrascht hat, war ,dass die Schnurwicklung, die ich vor dem Einsatz noch einmal neu mit nassen Hanfschnüren festmachte 100 % hielt obwohl ich das Gerät ne gute Stunde malträtiert hab.


    Mal schauen was man aus der Materie noch so rausholen kann.