Zunderpilz "oldfashioned"

  • Nachdem ich mich hier etwas umgesehen habe stelle ich fest, dass der Zunderpilz zwar wohl behandelt wird aber wenn, dann meist nur künstlich nitriert.
    Ich hab mich die Tage mal an den zweiten Versuch gemacht, Zunderpilz herzustellen, wie es "früher" wohl gemacht wurde und wie es draußen (auf längere Sicht gesehen) praktikabel ist.
    Mit Sicherheit ist das Ganze nicht so effektiv, wie Zunderpilz mit industrieellem Salpeter zu nitrieren. Aber es funktioniert doch.
    Der Unterschied besteht darin, dass das Trama mit Urin nitriert wird. (Ja, klingt wiederlich, ist es auch, aber nicht halb so wiederlich vom Geruch her, wie das Kocher der Pilze...)
    Beim ersten Versuch hat das offenbar nicht ganz so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe. Das Ergebnis war doch eher mittelprächtig, was de Glühfreudigkeit des Pilzes anbetraf. Nun hatte ich mich erneut darüber belesen und bin über ein Detail gefallen, welches ich beim ersten Mal nicht beachtet hatte. Dass der Zunderpilz früher in Urin gekocht wurde.
    Also hab ich mich daran gemacht ein paar Zunderpilze aufzutreiben und zu kochen. Der Geruch beim Kochen der Pilze ist das abartigste, was mir bislang unter gekommen ist, abgesehen von verfaulten Eiern...
    Nach dem Kochen habe ich die Pilze ein paar Tage getrocknet und anschließend in Urin eingelegt. Nach weiteren zwei oder drei Tagen wurde das Ganze dann gekocht. Wichtig bei der ganzen Kocherei ist, dass ein alter Topf verwendet wird, da die Farbe in den Pilzen stark abfärbt.
    Nach zwei Stunden kochen habe ich den Sud vom Feuer genommen und den Zunder zum Trocknen gelegt.
    Zündversuche folgen nach fertiger Trocknung.


    (Fotos sind aufgrund defekter Kamera leider nicht vorhanden.) :wallbash

  • Super, bin sehr gespannt auf das Ergebnis! Beim Lesen der Passage "Natürliche Seifenherstellung aus Urin" in Sackis Hygiene-Buch hatte ich die Idee auch schon, bin nur noch nicht zur Umsetzung gekommen. Wobei es mit Urin ja eigtl. keine Nitrierung ist, da der vorher als Amid/Harnstoff enthaltene Stickstoff nach Fermentation in Ammonium-/Ammoniakform vorliegt, oder? Oder hast Du frischen Urin genommen? Aber egal, Hauptsache es funzt - viel Erfolg!!

  • Sicher liegt der als Ammoniak vor. Aber auch Ammoniak hat einen Stickstoffanteil, der wie ich vermute zur Nitrierung führt. Keine Ahnung, was da so richtig passiert, Chemie bin ich nicht die Leuchte. Fakt ist, es wurde früher so gemacht und hat funktioniert, warum also nicht heute auch?
    Ja, hab frischen Urin genommen. Solltest aber darauf achten, dass du dich vorher möglichst viel von Fleisch ernährt hast, da sonst zu wenig Ammoniak vorhanden ist.

  • Habe ich das richtig vestanden: du hast den Pilz erst gekocht, dann getrocknet, dann wieder eingelegt und dann nochmal gekocht?Wozu dann die Trocknung zwischendurch?




    Lieben Gruß,


    Westwood

  • Weil der Pilz sonst schon mit Wasser vollgesogen ist und nicht unbedingt die maximale Menge an Urin auf nimmt. Beim zweiten Trocknen verdunstet der Wasseranteil des Urins und die Restbestandteile bleiben drin. Unter anderem eben der Stickstoff.

  • Die Sache mit dem Salpeter war mir auch immer zu "labormäßig" um als Survival/Bushcraft durchzugehen. Einfach nur in Urin eingelegt hat bei mir ebenfalls garnicht geklappt. Eine andere simple Methode ist es den trockenen Zunderschwamm in einer kräftigen Lösung aus Pottasche für 48-72h einzulegen, danach trocknen und fertig. Als einfache Bezugsquelle für Pottasche nehm ich immer das weiße Zeug was vom Lagerfeuer über ist. Das ist zwar ziemlich verunreinigt, aber immernoch gut genug. Das Resultat kommt zwar nicht ganz auf die Hitzeentwicklung & Entzündbarkeit wie Charred Cloth, trockenes Gras bekommt man aber trotzdem super damit an.


    Das Lernen einzelner, isolierter Bushcraftskills ist ähnlich wie das Anhäufen von unbenutzter Ausrüstung:
    ein recht kümmerlicher Ersatz für große Abenteuer...

  • Ich hab das mit Asche auch schon versucht, wie gesagt. Leider hat das nicht ganz so geklappt, wie es sollte. Also bin ich auf den Versuch mit Urin umgeschwenkt.
    Es hat mit nur Einlegen geklappt. War aber nur mittelmäßig. Hoffe, dass das Kochen diesmal besseren Erfolg bringt...

  • Das was den Zunderschwamm besser glimmen lässt ist der freiwerdende Sauerstoff, dem man für jede Verbrennung braucht. Der Stickstoff selbst wirkt erstickend auf das Feuer (ach ne.. :lol :schäm ), genauso wie das Kohlendioxid was beim Erhitzen der Pottasche (Kaliumcarbonat) frei werden kann. Salpeter ist Kaliumnitrat, da ist Ein Teil Kalium, ein Teil Stickstoff und drei Teile Sauerstoff drin. Der Stickstoff und das Kalium werden nur gebraucht um den Sauerstoff locker zu binden, bei Hitze lassen die ihn (teilweise) los.


    Einfacher als der Weg über Pisse, sollte sich Kaliumnitrat aus Asche und Calciumnitrat herstellen lassen. Das ist der "Mauersalpeter" der aus manchen alten Wänden blüht. Jeder wird doch zumindest eine Stelle wissen wo man so was findet.


    Was ich mal versuchen würde: im Keller Mauersalpeter abkratzen, in einen alten Topf (vorsichtshalber mal kein Alu), genauso viel Asche ausn Ofen drauf, Wasser dazu, Zunderpilz rein, KOCHEN.


    Wenn unbedingt aus Harn: Urin in eine Schüssel, Asche rein, paar Wochen gammeln lassen, und darin den Zunder kochen.


    Chemie ist bei mir auch schon länger her, wenn es jemand besser weis, ich lerne gern dazu.



    Gruß Kauz

    Ihr habt vielleicht die schönsten Torpedos, das Stück für 25000 Mark, aber ich habe den alten Draht, für 50 Pfennig!

  • Vielen Dank Herr Professor! :gb
    Ich wusste auch nicht, warum wieso weshalb man das so macht. Es funktioniert eben besser. Punk! :D
    Aber danke für die Erklärung. Mal sehn... Wenns wieder nicht klappt versuche ist das mit der Asche und dem Urin.


    OT:
    Machst du demnächst meine Bauchemie Belege? ;)

  • Was Völkerverständigung doch alles für Interessante Ergebnisse haben kann.
    Letzte Woche bin ich im archäologischen Museum von Biskupin in Polen gewesen. Dort im Freilichtmuseum war unser Führer experimenteller Archäologe, Bogenbauer und der einzige professionelle Flintknapper Polens. Ich dachte mir also wow Fuck ich bin genau in meiner Welt.


    Unter anderem zeigte er auch das Feuerentfachen mit dem Feuerstahl und dem Flint an einem Stückchen Zunderschwammtrama. Ich fragte ihn natürlich direkt ob der Zunderschwamm nitriert sei, doch er verneinte.
    Das war für mich natürlich erstmal seltsam. Der Schwamm fing den Funken in kürzester Zeit. Der Trick den er mir verriet war so simpel wie genial.
    Anstatt den Schwamm zu nitrieren hat er einfach die Enden kurz angeflämmt. Die angekokelten Enden fangen den Funken deutlich besser als der lose unverbrannte Schwamm.
    Ich habe es seitdem noch einige male mit dem Schlagstahl und dem Feuerstein als auch der Pyritknolle probiert und es ist wirklich einfach den Zunderschwamm damit anzufachen.


    Diese Methode ist absolut grandios. Der Zunderschwamm hat jetzt wieder einen Topstatus als Zunder für mich nachdem ich diesen kleinen aber feinen Trick kennen gelernt habe.


    Das Freiluftmuseum von Biskupin kann ich drüberhinaus auch nur wärmstens empfehlen wenn ihr irgendwann mal im Lande sein solltet.

  • Hey Eure Affschaft !


    Das mit dem Charred Cloth kam mir gestern auch als ich deinen Bericht gelesen habe...
    Eine andere Anwendung hab ich von der Steinharteknochenarbeit-website ,
    der "junge" Mann hat dort testweisse mal ein Stück Pilz so zugeschnitten das er stehend als Docht
    in einer Fettlampe funktioniert.
    Davon ist zwar kein Foto dabei, aber klang absolut nachvollziehbar.
    Zumal man an seinen anderen Arbeiten / Experimenten vergleichsweisse sehen kann das der das wirklich
    alles selbst ausprobiert. Wird also hinhauen.

  • AJ eigentlich kannst du so fast alles verkohlen,


    um es als Funkenfänger zu verwenden, ich hab da schon alles mögliche


    faserige ausprobiert, aber auf den Zunderschwamm bin ich jetzt noch nicht gekommen,


    werde das auch mal ausprobieren, dann sollte ja auch der Birkenporling funktioniere,


    also als Zunder für den Feuerstein und das Schlageisen.


    muß nur mal schauen, wo ich in Italien so was finde :unschuld .


    Gruß Bushdoc

    Auch dieses Jahr bietet Bushdoc´s School of advanced Survival and Bushcraft wieder folgende Kurse an:
    -Bushcraft ohne Busch
    -Survival ohne zu überleben


  • Hallo,


    ich habe mal angefangen einen Zunderpilz zu Zunder zu machen. Im Fred oben wurde ja schon die Verarbeitung des Pilzes beschrieben. Doch wie kommen wir ans Zundermaterial?


    Das wäre mal ein Zunderpilz. Der Pilz befällt vorwiedend Buchen. In höheren Lagen ist dieser Pilz eher an Birken zu finden. Ich habe auch schon Exemplare an Kiefern und anderen Bäumen gesehen. Auch an Totholz nistet er sich gerne an.



    Man bekommt den Pilz vom Baum, indem man kräftig von oben auf die harte "Schale" des Pilzes mit der Hand drückt. Macht etwas Mühe, aber man bekommt ihn ab.


    Oberseite


    Unterseite


    Nass geht der Pilz nicht zu bearbeiten. Also lassen wir ihn erst mal trocknen. Danach können wir den Pilz mit einem starken Messer (oder wie ich mit einem Sägeblatt) in zwei Teile trennen.




    Nun gehts ans Schnitzen. Verwendbar für den Zunder ist nur ein winziger Bestandteil des Pilzes, der Fruchtkörper selbst. Oben besteht der Pilz aus seiner Schale, fest und holzig ist diese. Darunter ist der kleine Fruchtkörper. Das ist faseriges, fast fellartig anmutendes Gewebe, welches deutlich anders braun als der restliche Pilz ist. Darunter sind die Röhren des Pilzes, welche fast den gesamten Pilz ausmachen.




    Und genau dieses braune Stückchen schälen wir heraus. Macht einige Mühe, ganz besonders weil so sehr wenig davon am Pilz selbst ist. Jeder Pilz ist anders, der eine hat mehr Fruchtkörper als ein anderer. Bei manchen Pilzen finden wir fast gar nichts, was wir verarbeiten können.




    Dieses wenige gewonnene Material werde ich nun weiter verarbeiten. Und dann neue Bilder hier einstellen.


    LG Sel :tarp

    Meine Grundsätze:
    ...Gerne darfs ein Kilo mehr sein bei der Ausrüstung...
    ...Je älter die Techniken, desto mehr mußten sie sich bewähren...
    ...Sehr viel kann man selber bauen, man muß nicht immer alles kaufen...

    (auf Grund meiner starken Sehbehinderung bitte ich das häufige Editieren meiner Beiträge zu entschuldigen)

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  • Habe probiert mit den Resten noch was anzufangen, die vom Pilz übrig geblieben sind. Die Röhren glimmen nur, keine Flamme, auch wenn sie direkt ins Feuer kommen. Die harte Oberschicht brennt wie normales Holz. Sicher ist es von Vorteil, möglichst große Pilze zu suchen um wenigstens eine etwas bedeutendere Ausbeute an Zunder zu bekommen. Aus den holzigen Schalen kann man vielleicht noch was bauen, also eine Minischüssel, Löffel oder so was. Im Internet findet man paar Sachen.


    LG Sel :tarp

    Meine Grundsätze:
    ...Gerne darfs ein Kilo mehr sein bei der Ausrüstung...
    ...Je älter die Techniken, desto mehr mußten sie sich bewähren...
    ...Sehr viel kann man selber bauen, man muß nicht immer alles kaufen...

    (auf Grund meiner starken Sehbehinderung bitte ich das häufige Editieren meiner Beiträge zu entschuldigen)

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  • Bei meinen Experimenten mit dem Zunderschwamm habe ich den Pilz (in der Art wie Sel es zeigt) in etwa 2cm dicke Scheiben geschnitten und danach mit dem Messer die harte Rinde und die Röhrchenschicht abgetrennt.
    Was dann noch blieb waren dünne Streifen des "Trama" der eigentlichen Zunderschicht.
    So ganz unbehandelt taugt das aber wenig als Zunder,aber ich hab auch die Erfahrung gemacht, dass es den Funken besser fängt wennes eimal angekohlt ist.
    Einen Teil meiner Ausbeute habe ich in einer Lauge aus Pottasche (Kaliumcarbonat, aber Pflanzenasche sollte auch gehen) ein paar Wochen auf der Heizung stehen lassen und einen weiteren Teil in einer dünnen Salpeterlösung.
    Beide Varianten ergaben einen brauchbaren Zunder,
    die Mischung aus Pottasche und Salpeterlösung die ich später noch ausprobiert habe funktioniert ebenfalls gut.
    Zuviel Salpeter führt zu einem Zunder der viel zu schnell verglüht.


    Wichtig ist es, meiner Meinung nach den Zunder gut zu trocknen und danach zu "klopfen"
    das heisst die Stücke mit einem Gummihammer oder Holzschlegel auf einer harten Unterlage zu klopfen bis sie eine filzartige,schwammige Konsistenz bekommen. Das lockert die Fasern auf und vergrössert die Oberfläche, der Funke wird besser gefangen und bekommt mehr Sauerstoff.
    Zusätzlich rauhe ich die Kante des Zunderstückchens noch mit einer scharfen Kante des Flints auf.


    Grüsse,
    Amadan

    In the school of the woods, there is no graduation day. — Horace Kephart

  • Hahaha da hast dir ja was angetan, das ist ja fast so wiederlich wie die Gewinnung von weißem Phosphor aus Urin :lol


    Wie Sel schon geschrieben hat eignet sich dieser "Flaum" am besten als Zunder, vorallem wenn man einen "echten" Feuerstahl verwendet.
    Wenn man die Röhrchenschicht (unter luftabschluss) verkohlt ergibt das auch einen recht brauchbaren Zunder der imenslange die Glut hält. Eventuell könnte man ja mal versuchen die verkohlten Röhrchenwürfel in Parafinwachs zu fritieren :D


    Jetz zum unangenehmen Teil: Chemie!


    Wie schon erwähnt wurde benötigt man einen recht hohen Ammonium Gehalt im Urin um halbwegs gute Ergebnisse zu erhalten... Aber Ammonium (also die Salze des Ammoniaks) sind ja kein Nitrat (NO3) wie wird also "A" zu "B"?!?
    Da kann man mal wieder unseren kleinen, meist leider verteufelten Freunden danken, den Bakterien! Es gibt Kulturen die das Ammonium zu Nitrit (NO2) (z.b.Nitrosomonas) oxidieren und dann wiederum welche die das Nitrit schlussendlich zu Nitrat (NO3) oxidieren (z.B.Nitrobacter)
    Das macht dann Summa Summarum etwa:


    Ammoniumsalz + Bakterien + Sauerstoff ---> Nitrit
    Nitritsalz + Bakterien + Sauerstoff ---> Nitratsalz
    :schlaubi


    Um das ganze im Heimmaßstad zu "industrialisieren" könnte man sich Urin mit Ammoniumsalzen (Ammoniumchlorid, Ammoniumsulfat usw.) anreichern, das ganze gut belüften z.B. mit so einem Aquarien Blasenblubbel-Ding und die kleinen fleißigen Helferlein sich an diesem Festmal erlaben lassen. Hin und wieder müsste man den pH-Wert kontrollieren und ggf. korrigieren, weil die kleinen Biester sich sonst selbst vergiften (ähnlich dem Hefepils der sich durch das selbst prodozierte Ethanol quasi selbst weg desenfiziert :lachtot )


    Ausprobiert hab ich das ganze für die Verwendung noch nicht, allerdings läuft genau das jeden Tag mit zig tausen m³ Abwasser unter meinen "wachsahmen Augen" in der biologischen Reinigungsstufe ab.


    Einige werden jetz sicherlich :kotz andere werden sich denken ":pille hat der Jung se nimmer alle, Hobbys?! Freunde?! Ihrgentwas in der Richtung?" Hoffe aber das ich hier nicht den "Oberlehrer" hab raushängen lassen und das es halbwegs verständlich ist und vorallem halbwegs brauchbar/informativ; in diesem sinne


    Gruß
    Der Nils



    ps: man verzeihe mir grobe Tippfehler, hab momentan nen dicken Zeigefinger aufgrund eine kleinen Projektes *hust*

    Lirum, larum Löffelstiel wer das nicht kann, der kann nicht viel