Anorak aus einer alten BW-Decke

Der Artikel stammt aus meinem alten Blog und wurde am 11.11.2010 erstellt.



Die Idee zu einem Anorak aus einer alten Wolldecke kam mir beim Stöbern in englischsprachigen Bushcraftforen. Die Idee, wärmende Kleidungsstücke aus Decken herzustellen ist im Übrigen nicht neu und wahrlich kein Modegag. Schon in der frühen Pelzhandelszeit staffierten sich sowohl Trapper und Indianer als auch Soldaten mit sogenannten "Blanket Capotes" aus. Erfunden bzw. zum ersten Mal konfektioniert wurde dieses Kleidungsstück wohl im französischsprachigen Teil Kanadas im 18. Jahrhundert. Zum Teil war der Schnitt schon recht aufwendig gehalten, meist bestand die Capote aber nur aus mehr oder weniger rechteckigen Stoffstücken. Der Vorteil solcher Kleidungsstücke liegt auf der Hand: Decken waren zu jener Zeit begehrte Handelsware und im Überfluss vorhanden. Darüberhinaus war der Stoff dick, verfilzt und robust, so dass es sich für Obermaterial in widrigem Klima eignete. Auch heute noch gibt es einen entscheidenden Vorteil: Eine alte Wolldecke bekommt man billiger als Loden- oder Walkstoff!



Für die Verwendung "draußen" halte ich persönlich Armeedecken für am Besten geeignet. Man sollte beim Kauf darauf achten, dass der Kunstfaseranteil nicht zu hoch ist (bzw. dass die ganze Decke nicht aus Kunststoff besteht!!). Meine Wahl fiel auf eine Decke aus alten BW-Beständen, sie besteht zu 2/3 aus Wolle und 1/3 aus Reyon (Viskose) und kostete 12 € (das sind 2,86 € pro m²!). Sicher eignen sich auch alte NVA-Decken, diese sind jedoch etwas kleiner und dehnen sich etwas. Beim Stöbern im Internet findet man jedoch sicherlich das Passende.


Als Schnittmuster musste mal wieder der Fairbankspulli herhalten. Ich habe die größte Größe verwendet, da der Stoff ziemlich dick ist und man Platz zum Reinschlüpfen benötigt. Der Anorak sollte keine Taschen bekommen und so unaufwendig wie nötig, aber so robust wie möglich sein. Man kann daher für die Frontpartie ruhig den Schnitt für das Innenfutter verwenden. Die Taillenlänge habe ich entsprechend variiert, da der Anorak wie eine Tunika über das Gesäß reichen soll. Da ich nicht einfach einen ordinären Pullover schneidern wollte, entschied ich mich für ein robustes Innenfutter aus grobem Leinen. Dies hat mehrere Vorteile: Leinen ist erstens per se ein natürlicher Klimaregulator, es fühlt sich bei Wärme schön kühl an, wärmt aber auch bei Kälte. Zweitens hat die grobe Webart den Vorteil, dass sich ein Luftpolster zwischen Außenschicht und Unterkleidung bilden kann. Drittens erleichtert die glatte Oberfläche den "Ein- und Ausstieg".



Zunächst wurde das Schnittmuster mit Schneiderkreide auf die Decke übertragen und der Stoff ausgeschnitten. Man benötigt garnicht so viel Deckenstoff wie ich glaubte, es blieb noch eine Menge für Basteleien übrig. Man sollte gerade bei beschrifteten oder bedruckten Stoffen natürlich auf den späteren Schnittverlauf achten. Bei meinem Modell sollte eine umlaufende "Banderole" entstehen, daher habe ich mich an den Aufdrucken und Linien orientiert. Da ich den Schnitt einfach gehalten habe, konnte ich auf Teile wie Taschenklappen, Manschetten und sonstigen Kram verzichten. Man benötigt aus dem Deckenstoff lediglich 6 Teile: 2 Ärmel, je 1 Vorder- und Hinterteil, 1 Kragen und 1 Keil für den Halsausschnitt (aber dazu später mehr). Man verfährt genauso mit dem Futterstoff, hier benötigt man sogar nur 4 Teile.



Mit Stecknadeln werden erstmal die einzelnen Stoffstücke aufeinandergelegt und fixiert ("richtige" Stoffseiten zueinander, dass kann man bei beschrifteten Deckenstoffen ganz gut unterscheiden). Diese werden dann miteinander vernäht. Die Nähte werden in Richtung der Ärmel umgeschlagen und anschließend noch einmal vernäht. Erst vernäht man die Schulterpartie, die Seitennähte am Schluss. Um das Futter einzubauen habe ich einfach den "Leinenpullover" mit den Nähten nach außen angezogen und den "Deckenpullover" darübergezogen. Anschließend habe ich die Säume mit Stecknadeln fixiert und das komplette Ding wieder ausgezogen. Futter und Oberstoff wurde einfach an den Säumen vernäht.


Nun folgt der Halsausschnitt, normalerweise sieht das Originalschnittmuster hier einen Reißverschluss vor, was eine andere Vorgehensweise voraussetzt. Ich habe einfach zwei parallele Nähte gezogen und den Stoff vom Halsausschnitt her aufgetrennt. Hernach folgt der Kragen, der nichts anderes ist als ein langes Stück Decke in der Mitte umgeschlagen. Man beginnt den Kragen von der Innenseite her anzubringen, das klappte so gerade noch mit meiner Nähmaschine. Die Außenseite musste jedoch von Hand genäht werden, da der Stoff nun einfach zu dick wurde. Zunächst wurde das untere Kragenende mit einer Überwendlichnaht fixiert, dann habe ich den Kragen mit einer Steppnaht verstärkt. Die offenen Enden kann man einfach mit einer Saumnaht verschließen.



Damit es später durch den Halsausschnitt nicht "zieht" habe ich einen Keil aus Deckenstoff eingesetzt. Die Kanten wurden umgeschlagen und bündig mit dem Ausschnitt vernäht. Als Versäuberung kommt bei mir nun weißgegerbtes Hirschleder zum Einsatz. Es ist ausreichend robust und scheuerfest aber dabei ausreichend dünn um es mit der Nähmaschine bearbeiten zu können. Nichtsdestotrotz muss man extra Ledernadeln verwenden, da normale Nadeln das Leder nicht durchdringen und verbiegen würden. Das Leder wurde in 6 cm breite Streifen geschnitten und über den Saum gelegt. Mittels einer Zange wurden nun Metallösen angebracht, damit die Schnürung nicht das Leder und den Stoff zerstört.


Als Abschluss habe ich einfach ein quadratisches Lederstück aufgenäht. Auch hier war wieder Handarbeit angesagt, weshalb die Naht nicht ganz gerade ist ;-). Bei den Ärmeln und am unteren Ende bin ich ebenso verfahren. Um den großen Kragen umlegen zu können, habe ich einen Schnappverschluss von einem alten BW-Rucksack angenäht. In freier Wildbahn konnte ich das Teil noch nicht ausprobieren, aber die nächtlichen Raucherpausen auf dem Balkon sind nun angenehm warm ;-) Wenn dann bald der Schnee im Sauerland Einzug hält werde ich mal einen Erfahrungsbericht schreiben.

Comments 1

  • Der Capote ist eine Canadian Erfindung und wurde aus Hudson Bay Point Decken hergestellt. Heute noch machen sich viele Trapper and Jaeger in Canada Maentel aus Hudson Bay Decken.